Khan Academy

 Tag 1: Besuch in der Khan Academy

Wir beginnen unsere Reise von San Francisco ins Zentrum des Silicon Valley:  Nach eineinhalb Stunden Fahrt auf dem legendären sechsspurigen Highway 101 Stoßstange an Stoßstange im Pendlerstau, erreichen wir die Khan Lab School in der Stadt Mountain View. Im Jahr 2014 eröffnete die Schule ihren Campus in einem ehemaligen Bürogebäude der Firma Google nahe dem Stadtzentrum. Wir werden empfangen von Dominic Liechti, dem Executive Director, der zuvor die German American International School in Menlo Park, eine Schule mit Internationalem Bakkalaureat, unweit der Stadt Mountain View geleitet hatte. Dominik kommt ursprünglich aus der Schweiz und lebt seit mehreren Jahren mit seiner Familie in der Bay Area. Wir sind erleichtert, dass der erste Kontakt in deutscher Sprache hergestellt werden kann.

Der Charme des Bürogebäudes wird im Inneren des Gebäudes durch die für das Silicon Valley typischen „collaborative Workspaces“ veredelt. Im Lehrerzimmer gibt es hohe Tische, Pädagogen bereiten ihren Unterricht an Computern vor, sitzen auf Barhockern an thekenartigen Tischen. An den Wänden sehen wir spielerische Malereien, philosophische Zitate, mathematische Formeln – Holz und Glas sorgen für Transparenz und Wohlfühlatmosphäre. Das Kollegium ist jung, alle haben internationale Erfahrung in mindestens zwei Ländern – wie wir von Dominic später erfahren, ist dies Einstellungsvoraussetzung – auf eine freie Stelle bewerben sich im Schnitt 150 Pädagogen. Die Khan Lab School zahlt mit die höchsten Lehrergehälter, anders ist Personal in der hochpreisigen Region der USA mit exorbitant hohen Mietpreisen nicht mehr zu gewinnen.

Wir versammeln die Gruppe im Grundschulraum – einem Großraumklassenzimmer mit Mobiliar der deutschen  Firma VS – runde Formen, Gruppentische, höhenverstellbar – alle Stühle und Tische haben Rollen, alles wirkt bunt, vielfältig, dabei aber aufgeräumt und strukturiert. 60 bis 75 Kinder finden Platz im Großraum, das architektonische Konzept wird derzeit angepasst: Glastrennwände sind geplant, Einteilungen sollen dafür sorgen, dass Ablenkungen reduziert werden und die Aufmerksamkeit der Kinder erhöht wird. Wir werden unwillkürlich an die Laborschule in Bielefeld erinnert, allerdings wirkt alles aufgeräumter und strukturierter.

In der Khan Lab School hat jeder Schüler seinen individuellen Stundenplan:

Projektbasiertes Lernen, Fachunterricht und Lerncoaching sind feste Bestandteile, ca. 25 % der Zeit verbringen die Kinder am Laptop (im Kindergarten maximal eineinhalb Stunden am Tag). Die Lerninhalte werden von der Khan Academy, aber auch anderen Apps bereitgestellt, Lehrerinnen und Lehrer designen die Lernumgebungen, sind stets präsent und begleiten die Kinder. Die Leistungsdaten werden auf einem Dashboard über Programmschnittstellen zu den Apps gesammelt und in Form von Portfolios aufgearbeitet. Hier unterstützt u.a. das Startup „Yet Analytics“, das sich auf die Aufbereitung von Lernerdaten spezialisiert hat. Über Schnittstellen werden aus den verschiedenen Lernprogrammen die Kompetenzlevel ermittelt und zentral im Schülerportfolio zur Selbstreflexion, aber auch als Grundlage für die Lernberatung, aufbereitet.

Die Lernpfade werden darauf aufbauend individuell gestaltet. Jeden Freitagnachmittag findet ein Lehrerteammeeting statt, in dem im Team die Lernprogramme der kommenden Wochen entwickelt werden. Die Software wird von Startups programmiert – die Schule kostet das nichts, denn Sie bringt ihrerseits als Kapital das pädagogische Wissen und die Aufbereitung der Lerninhalte ein. Die Startups finanzieren sich in dieser Phase durch Wagniskapital und können die Software später am Markt profitabel platzieren. Bei 30.000 Dollar Schulgeld rechnet sich das Geschäftsmodell der Schule nun nach drei Jahren. Insgesamt 160 Kinder werden vom Kindergarten bis Klasse 9 unterrichtet, die Oberstufe ist im Aufbau. Die Warteliste ist lang!

Die Kinder erhalten Laptops von der Schule, alle Apps sind webbasiert, das Ganztagesangebot ist verbindlich, Hausaufgaben gibt es nicht, denn die Schüler haben ihre Ziele mit den Lerncoaches so vereinbart, dass sie selbst reguliert ihre Zeit einteilen. Der Schulbeginn gleitet – man kann zwischen 8.30 und 9.00 Uhr kommen und sich an die Arbeit machen, nachdem man den Check In auf dem IPad vorgenommen hat.

Bis Zur Klasse 9 gibt es keine Zensuren, die Leistungsmessung wird durch formative Formate durchgeführt – Dominic erklärt uns, wie sich 220 Privatschulen zusammengeschlossen, und sog. „Benchmarktests“ entwickelt haben, um den Schülerinnen aussagekräftige Rückmeldungen darüber zu geben, wo sie in ihrem Lernprozess stehen. Damit werden Zensuren überflüssig.

Uns interessiert, wie sich das pädagogische Konzept von dem der Mitbewerber unterscheidet und wodurch sich Khan Lab School besonders auszeichnet:

Pädagogik wird nicht dem Algorithmus überlassen, sondern den Lehrkräften. Sie leiten an, motivieren, vermitteln Inhalte und helfen den Kindern, Ihre Lernwege zu rhythmisieren („pacing“). Die Technologie dient dem Lernen. Es werden nicht Aufgaben bearbeitet, sondern Ziele gesetzt, die Kinder dann selbstständig verfolgen. Die Schule hat erfahren müssen, dass die Betonung des summativen Assessments in von Software gesteuerten Lernapps das Lernen nicht verbessert – die Schüler erreichen zwar gute Testergebnisse und entwickeln schnell Strategien, was sie technisch dazu tun müssen – wirklicher Kompetenzerwerb findet jedoch nicht statt. Daraufhin wurde das Konzept angepasst, Rechnerzeit reduziert und ein pädagogischer Rahmen definiert, in dem sich nun alle bewegen. Es gibt nach wie vor Bücher und Arbeitsblätter

Das Lernen geschieht selbst reguliert, auf der Basis von Zielvereinbarungen.

Außerschulische Lernorte spielen eine große Rolle, die Tech Firmen helfen der Schule nach Kräften, denn Khan entlässt Kinder, die genau das mitbringen, was sie suchen: Neugier, Motivation, problemlösendes Denken, Kreativität und die Fähigkeit, im Team zu arbeiten.

Wir wollen erfahren, wie es der Schule gelingt, Lehrkräfte für das Konzept nicht nur zu begeistern, sondern auch zu qualifizieren – der Ansatz lässt uns alle aufhorchen: Die Khan Academy entwickelt Lehrerfortbildungen selbst in hausinternen Formaten, zentral ist der Peer-  Learning Gedanke, Lehrer müssen sich dabei, ebenso wie die Schülerinnen und Schüler als „life long learners“ begreifen, die Haltung ist nicht mehr die des Vermittelns von Wissen, sondern die des Ermöglichens von Lernenchancen. Es gilt, die Furcht vor Kontrollverlust zu überwinden und Mut zu machen, Lernen von den Schülern aus zu denken. Dabei geschieht alles im Team -die Impulse und Ideen kommen aus dem Team, in der Welt der Startups gibt es kein „Top Down“ und keine Hierarchie – weder unter den Lehrkräften noch im Klassenzimmer.

Die Schule ist hier neu gedacht und hat sich neu erfunden – „Architecture of learning“, „academic and character outcomes“, „Independance rooms“, ersetzen nicht nur alte Begriffe der schulischen Grammatik, sondern zeugen von einem tiefgreifenden Wandel.

Uns allen wird klar, dass hier eine neue Zeit angebrochen ist und wir sind beeindruckt und erleichtert zugleich, dass es nicht die Technologie alleine ist, sondern das Gesamtkonzept, das die Schule trägt. Zentral ist hierbei auch der Raum als pädagogischer Faktor. Uns dämmert aber auch, dass das Konzept ohne digitale Unterstützung nicht umsetzbar wäre und wir sind überzeugt, dass Maria Montessori und andere reformpädagogische Visionen hier zu neuem Leben erwachen und mit einer enormen Kraft und Energie wirksam werden.

Follow the trip on twitter: #TdZ18

 

 

1 thought on “Khan Academy

  1. Email: rim@esg-guetersloh.de
    Comment: Das klingt ja spannend.
    In Bezug auf die Pädgogik und die konkrete Unterrichtsgestaltung habe ich einige Nachfragen:
    1. Ausgangspunkt sind, wenn ich dies richtig verstanden habe, Zielvereinbarungen der SuS mit ihren Lerncoaches.
    Auf welcher Ebene muss man sich diese Zielsetzungen vorstellen?
    Wie eng müssen diese Ziele sich auf curriculare Vorgaben beziehen.
    2. Wenn ein Ziel für einen gewissen Zeitraum für ein bestimmtes Fach oder fachübergreifend vereinbart worden sind, wie geht es dann weiter? Suchen die SuS selbst geeignete Lernwege? Sind es jetzt die Fachlehrer, die mit den SuS Lernwege entwickeln oder diese vorgeben?
    3. Werden in der Regel individuelle Lernwege gesucht? Oder gibt es für Unterrichtsfächer eine Auswahl an differenzierenden Lernwegen?
    4. Wie hat man sich die APPs vorzustellen, die die Startups programmieren? Inwieweit sind sie flexibel und personalisiert einzusetzen?

    Das ein oder andere konkrete Beispiel würde mir zum Verständis sehr helfen.
    Ich bin sehr gespannt auf den nächsten Blog-Eintrag.

    Viele Grüße aus dem sonnigen (aber kalten) Gütersloh.

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