Harker School, San Jose

Have the Form Fit the Function.
Education Innovation is Controlled Chaos

Die 60 Kilometer Fahrt vom Hotel in San Francisco nach San José auf der landschaftlich schönen Route 280 dauert auf der sechsspurigen Autobahn ca. 2 Stunden.
Vom Schulparkplatz zur Hauptverwaltung ist der Weg gesäumt von imposanten Gebäuden: rechts das neue, gerade eröffnete Rothschild Liberal Arts Center, zur linken eine imposante Turnhalle, dahinter das Science Building. Alle tragen deutlich sichtbar die Namen ihrer Spender. Die Außenanlagen sind sehr gepflegt und wir haben den Eindruck, uns uns eher auf dem Gelände eines Fünf Sterne Ressorts zu bewegen, als auf einem Schulgelände.
Im Verwaltungsgebäude werden wir vom Schulleiter, Brian Yager und der Direktorin von Innovation and Design Liz Brumbaugh empfangen und allgemein über die Schule informiert: Harker ist die älteste, größte und renommierteste Privatschule an der Westküste der USA, gegründet im ausgehenden 19. Jahrhundert fast zeitgleich zum Aufbau der Stanford University. Heute besuchen 2000 Schüler die Schule, mit ihren vier Standorten vom Kindergarten bis zur Klasse 12. Harkers Mission ist es, Schüler auf ein Studium an der Stanford University vorzubereiten. 75% der Schüler haben indischen bzw. asiatischen Hintergrund. Die Schulgebühr beträgt 47.000 USD pro Jahr, es gibt ein Financial aid Programm, das Ziel socio-economic diversity zu fördern steht aber nicht im Zentrum der Anstrengungen der Schule, wie der Schulleiter betont. Stanford nimmt ca. 4% seiner Bewerber jedes Jahr auf – wie groß muss der Druck sein, unter dem die Schüler dieser Schule stehen?

Brian betont die Unabhängigkeit seiner Schule. Als „Independent School“ ist Harker völlig frei in der Gestaltung ihres akademischen Programms. Durch die Akkreditierung der Western Association of Schools and Colleges, der California Association of Independent Schools und der National Association of Independent Schools ist gesichert, dass die Abschlüsse landesweit und international an allen Universitäten anerkannt werden. Uns interessiert, welche Rolle die nationalen Core Currciula (Kernlehrpläne) für die Schule spielen und wir erfahren, dass die akademischen Standards von Harker dort beginnen, wo die der Kerncurricula aufhören: We don’t align with the core, we go beyond.

Liz, die für den Bereich Learning, Innovation and Design zuständig ist, berichtet von einem Paradigmenwechsel von Tech support zu Learning Innovation and Design, Digitalisierung wird dabei als Katalysator einer sich verändernden Lernkultur verstanden. Lehrer und Schüler bringen ihre digitale Welt mit in die Schule, daher musste die technische Infrastruktur für eine Vielfalt von Endgeräten und Betriebssystemen geöffnet werden. Im Kindergarten werden IPads eingesetztem ebenso in der Grundschule, zusätzlich gibt es dort ein Portflioinstrument. Von Klasse 3 bis 5 arbeitet jedes Kind mit einem Googlechromebook, von Klasse 6-7 gibt es die 1:1 Ausstattung entweder mit Windows Laptops oder mit MacBooks. Bring your own device, allerdings mit Vorgaben, wurde von Klasse 9-12 eingeführt, wird aber in den kommenden Jahren bereits ab Klasse 7 umgesetzt. Treiber für die Systemoffenheit sind u.a. die Eltern, denn sie wollen nicht von der Schule bevormundet werden, was die technische Ausstattung ihrer Kinder anbelangt.
Der Googledrive und G Suite for Education begleitet die Schülerinnen während ihrer Schulzeit von der Grundschule bis zum Abschluss. Liz sieht in Google das überlegene Tool für Kollaboration in der Schule auf allen Ebenen („Learning is social“) und gibt allerdings zu bedenken, dass Apple Produkte einen deutlichen Mehrwert in multimedialen und produktorientierten Anwendungszusammenhängen haben – aus diesem Grund hält die Schule ausreichend Apple Geräte für die Arbeit im Unterricht vor. Wir fragen uns, wie das Kollegium sich mit dieser Vielfalt von Geräten und Systemen arrangiert und vor allem dazu motiviert werden kann, digitale Werkzeuge im Unterricht einzusetzen: Nachhaltige Innovation geschieht erst dann, wenn Lehrer begeistert werden können, so die Grundüberzeugung der Verantwortlichen bei Harker. Lehrer werden zu Experten, sobald sie etwas Neues erproben. Man tauscht sich auf Blogs aus und teilt seine Ergebnisse mit dem Kollegium auch per Video. Der gesamte kollegiale Austausch ist auf dem Googledrive organisiert. Die für das Programm an Harker verantwortlichen Koordinatoren unterrichten aktiv und laden Kollegen mit in ihrem Unterricht ein, kollegiale Hospitation gehört zum Standard.
Widerstände gibt es auch in Harker: Fear (Furcht) – Uncertainty (Unsicherheit) und Doubt (Zweifel) ist die Formel, mit der die Direktorin für Innovation das Phänomen beschreibt. Die Schule begegnet dem „FUD“, indem sie Kollegen alle erdenkliche Unterstützung zukommen lässt. Funktioniert der PC oder der MAC im Unterricht nicht, kommt ein Techniker und hilft unmittelbar (diese Dienstleistung wird Schüler- und Lehrerendgeräten zuteil). Es gibt Paten, die Hilfestellung geben und dem Kollegium wird ein Mitspracherecht bei der Auswahl von Software und Plattformen eingeräumt. Jede Fachschaft verfügt über einen eigenen Etat für Fortbildungen.
Um Schüler auf eine Karriere bei Stanford vorzubereiten, muss die Schule den Geist des Entrepreneurship und des Entdeckens fördern. Schüler haben z.B. Eine Harker Bezahl App (Harker Pay) aber auch andere Anwendungen programmiert, die im schulischen Leben zum Einsatz kommen. Lehrer erkennen an, dass Schüler in gewissen Digitalbereichen über Kompetenzen verfügen, die im Kollegium nicht vorhanden sind – die Talente und Begabungen werden jedoch nach Kräften gefördert und ihnen wird Raum zur Entfaltung gegeben.
Die erste Station unseres Schulrundgangs führt uns in die neue Sporthalle. Der Adler, das Maskottchen der Schulsportteams, ist auf dem edlen Echtholzboden eingraviert. Auf der Tribüne haben sich alle Schülerinnen der Klassen 9-12 versammelt, um den Wahlreden der Kandidaten für das Amt der Schülersprecher zu folgen. Wir sind beeindruckt von der Kunst der freien, politischen Rede, die wir erleben können – hier wird den Leistungsträgern der Schule Raum geboten, sich zu profilieren, sich zu messen und zu miteinander in Wettstreit zu treten.
Wir besuchen Mathematikunterricht auf dem Honors Level in Klasse 12 und Informatikunterricht der Klasse 10. Bei unserem Rundgang sehen wir überwiegend traditionell eingerichtete Klassenräume mit lehrerzentrierten Anordnungen, im Mathematikunterricht kommen digitale Medien heute nicht zum Einsatz, im Informatikunterricht arbeiten die Schüler mit Minecraft und designen Häuserentwürfe, die ihnen von ihren Mitschülern in Auftrag gegeben wurden.
Informatik ist Pflichtfach von Klasse 7 an und wird in der Oberstufe auf einem Standard Level, der mehr den Anwendungsbezug in den Mittelpunkt stellt, und einem Higher Level, in dem auf professionellem Niveau programmiert wird, unterrichtet.
Neben der naturwissenschaftlichen Ausrichtung ist Harker berühmt für sein Theater und Kunst Programm, dessen Qualität das Rothschild Theater repräsentiert, das von der Ausstattung her ein Musentempel mancher mittelgroßen Stadt sein könnte.
Als Fremdsprachen werden Japanisch, Chinesisch, Französisch und Latein angeboten, die Schüler- Lehrer Relation ist im Schnitt 1 zu 11.
Unsere Gruppe verlässt die Schule nach einem qualitativ hochwertigen School Lunch nachdenklich, wir versuchen, was wir in Oakland und den anderen öffentlichen Schulen zu erleben konnten, mit unserem Besuch an der Harker School in Einklang zu bringen – spontan gelingt uns das nicht, wir bekommen aber ein Gefühl für die soziale Spannung, die sich in Bildungschancen zeigt, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Wir fragen uns, inwieweit die uns besuchten Reformschulen, Khan, Udacity und Alt School einen Einfluss auf Harker haben werden – schließlich sind es ernstzunehmende Wettbewerber auf dem Markt der Privatschulen und erheben den Anspruch, die Kinder auf die Welt des 21. Jahrhunderts vorzubereiten. Den Schulleiter von Harker, Brain Yager, scheinen diese Konzepte nicht zu beeindrucken, er lässt durchblicken, dass er sich für die digitalen Trendschulen nicht sonderlich interessiert.
Dennoch spüren wir aus den Gesprächen mit Liz einen Aufbruch in eine neue Pädagogik, nicht durch Digitalisierung, sondern viel bahnbrechender, durch das Zulassen von Innovation und nicht von Hierarchien geprägten Schulentwicklungsstratgien und die Öffnung für die digitale Welt außerhalb der Schule. Die Frage des Bezugs von Technik, Pädagogik und Inhalt hat die Schule durch ein höchstes Maß an Flexibilität gelöst – das Digitale dient dazu, Innovation erst richtig zur Entfaltung zu bringen – die Kinder, die wir erleben durften, verstehen sich als die „Leader in tomorrow’s Global World“ – ohne uneingeschränkte Teilhabe an der digitalen Welt geht das nicht, aber eben auch nicht auf der Basis einer technikdominierten Pädagogik.

 

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