Rosevelt Middle School, Oakland

How can schools and teachers meet the challenge?

New Classrooms – Teach to One

Über die Bay Bridge fahren wir nach Oakland, das auf der anderen Seite der Bucht liegt. Auf Stadtautobahnen voller Schlaglöcher quälen wir uns durch den Pendlerstau und erreichen das Wohngebiet, das die Rosevelt Middle School umgibt. Offensichtlich sind wir in einer anderen Welt angekommen: Die Schule erinnert an die Schauplätze der West Side Story aus New York. Große Gebäude mit bröckelndem Putz, aspahltierte, von meterhohen Maschendrahtzäunen umgebene Schulhöfe und Basketball Courts.  Das Innere des Gebäudes ist gepflegt und es atmet den morbiden Charme der Gründerzeit vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Wir sehen viele Schwarze und „Hispanics“ und es ist zu spüren, dass wir uns nicht in einem bildungsferundlichen Biotop bewegen.

Empfangen werden wir sehr herzlich von Madeline und zwei Vertretern der non profit Organisation NEW CLASSOOMS,  die u.a. von der Bill Gates Foundation und Mark Zuckerberg unterstützt wird. Das Konzept „Teach to One“, welches das Kerncurriculum der Mathematik komplett digital auf einer vom Algorithmus gesteuerten Plattform abbildet, wurde von der Rosevelt Middle School für ca. 300.000 USD (Kosten pro Schuljahr) eingekauft und bildet nun die Grundlage für eine neues Konzept des Mathematikunterrichtes. Insgesamt arbeiten 37 Schulen in den USA mit dem Programm, das seinen Ursprung an der Ostküste in New York hatte. Der anwesende Koordinator der Mathematik Fachschaft erklärt uns, dass Teach to One angeschafft wurde, damit die Lehrerinnen der Schule die extreme Heterogenität im Klassenzimmer (überhaupt) bewältigen können. Herausfordernd ist es vor allem, die Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern, deren Leistungen sich am unteren Ende des Spektrums bewegen, zu fördern.

Das Prinzip der Plattform ist auf den ersten Blick bestechend: Das Curriculum ist komplett abgebildet, Schülerinnen und Schüler bearbeiten Aufgaben in individuellen und Gruppen settings – jeden Tag gibt es am Ende ein „Exit slip“ – der Algorithmus entwickelt daraufhin den Stundenplan und den Lernweg für den Folgetag. Die Inhalte sind von der Plattform vorgegeben und methodisch didaktisch aufbereitet. Jeder Schüler arbeitet so mit seinem individuellen Stunden- und Förderplan. Das Testformat des Exit slip basiert auf Multiple Choice Fragen. Die Lehrer können das Material geringfügig anpassen und auch die vom Programm vorgegebene Einteilung in Arbeitsgruppen beeinflussen. Wir erfahren, dass dies vor allem erfahrene und versierte Kollegen tun, unerfahrene Kollegen folgen in aller Regel sehr eng dem vom Programm vorgegebenen Lernarrangement, das die Kollegen nachmittags ab 16.00 Uhr einsehen und für den Folgetag bearbeiten können

In unseren Unterrichtsbesuchen beobachten, wir, dass alle Kinder mit dem Teach to One arbeiten und ihre Aufgaben erledigen – in informellen Gesprächen spiegeln uns die Schüler, dass sie eigentlich gerne in die Lernplanung eingebunden wären, aber das Programm alles vorgibt. Es gibt im Unterricht lehrerzentrierte „instructional phases“, Phasen der Kollaboration und individuelle Übephasen. Die Rhythmisierung der Lernphasen leistet das Programm, die Gruppen werden ausschließlich nach Leistungsgesichtspunkten eingeteilt, soziale Prozesse berücksichtig der Algorithmus (noch) nicht. Jeder Lehrer betreut ca. 30 Schüler, die Arbeitsgruppen wechseln täglich, es wird sowohl traditionell mit Arbeitsblättern, als auch digital am Chromebook gearbeitet.

Wir fragen nach, ob die Personalisierung im Mathematikunterricht Einfluss auf die Lernkultur in der Schule insgesamt hat. Mike ist sich da nicht sicher, die Vertreter von Teach to One bestätigen, dass es sich ausschließlich um ein Konzept für den Mathematikunterricht handelt. Der Schulbezirk der Googlestadt Mountain View hatte Teach to One im vergangenen Jahr eingeführt, dann aber vor allem dem starken Widerstand aus der Lehrer- Eltern- und Schülerschaft wieder abgesetzt. Über die Gründe kann man nur spekulieren – wir haben den Eindruck, dass es auch daran gelegen haben konnte, dass das Fortbildungskonzept New Classrooms in erster Linie technologiefokussiert ist und sich dadurch sehr von den Changemanagementstrategien der anderen Schulen, die wir besuchten, unterscheidet. Dort setzt man mehr auf Begeisterung der Kollegen und die Bildung professioneller Lerngemeinschaften, die Konzepte multiplizieren, als auf eine technische Einweisung in den Gebrauch und den Einsatz einer Plattform.

Wir haben großen Respekt für die pädagogische Arbeit und das Engagement an der Brennpunktschule, die sich auf den Weg macht, alles zu tun, um den Kindern eine Chance zu geben – die Testresultate stimmen hoffnungsfroh, wir haben jedoch nicht den Eindruck, dass Teach to One dem Anspruch gereicht wird, ein ganzheitliches pädagogisches Konzept zu liefern, das formatives Assessment einsetzt, um die Selbstregulierungskompetenz der Schüler zu steigern. Weiterhin fragen wir uns, ob die soziale Dimension der Kollaboration von einem Algorithmischen Modell so gesteuert werden kann, das soziale Kompetenzen aufgebaut werden können – gerade das dürfte in der Erziehung der gesellschaftlich benachteiligten Kinder nicht fehlen.

1 thought on “Rosevelt Middle School, Oakland

  1. Ich freue mich, dass es mit Herrn Fugmann einen Schulleiter in Deutschland gibt, der sich mit all seinen gesammelten Erfahrungen und bestehenden Netzwerken für einen sinnvollen und mehrtwertbringenden Einsatz digitaler Medien in deutschen Schulen einsetzt. Sich Implementationen im Mekka der Hightech-Branche vor Ort anzusehen und diese im Hinblick auf einen möglichen Einsatz in deutschen Schulen kritisch zu überdenken, erscheint mir der genau richtige Schritt bzgl. der weiteren digitalen Entwicklung an deutschen Schulen und ist eine (Lehrer-) Fortbildung der ganz anderen Art. Da greifen für mich die zunehmenden finanziellen Ausstattungsoffensiven seitens der Länder viel zu kurz. Auch wenn dadurch die Basis für Weiteres geschaffen wird, braucht es doch dringend und zuvor konkrete Konzepte und Ideen inkl. Evaluationsmöglichkeit.
    Ich hoffe, die Teilnehmer bringen durch die vielen (vermutlich erschlagenden) innovativen Impressionen die Diskussionen weiter in Schwung und werden selbst ermutigt, ihre Eindrücke zu multiplizieren und Dinge auch in Deutschland auszuprobieren und erst dann zu urteilen.
    Danke für die Möglichkeit, an diesen Erfahrungen in Form dieses Blogs teilzuhaben.

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